Theater: Spiel in einer anderen Welt

Projekt: Ein Sturm nach Shakespeare

DIE ECKIGEN begeistern seit 20 Jahren ihr Publikum. Das Besondere: Der Gruppe gehören nur Menschen mit Behinderung an. Für ihr Engagement haben sie den Förderpreis für Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern bekommen.

Die Eckigen Klaus-Dieter Mattern als Prospero auf der Bühne

50 Aufführungen, zehn Jahre Theatererfahrung und kurz vor der Vorstellung ist das Gefühl immer noch das gleiche: “Aufregung! Ich bin immer wahnsinnig aufgeregt, bevor es losgeht“, sagt Klaus-Dieter Mattern. Als die dicken, roten Vorhänge aufgehen, hat er sich in Prospero verwandelt, der sich seinen Zaubermantel überwirft – von Aufregung ist jetzt nichts mehr zu spüren. Zusammen mit seinen Schauspielkollege Steven Zöpfgen und Wolfgang Schulz präsentiert Klaus-Dieter Mattern an diesem Herbsttag vor einem kleinen Publikum in der Kulturkirche St. Jakobi in Stralsund eine Szene aus dem Theaterstück “20 Jahre DIE ECKIGEN-Ein Sturm nach Shakespeare“. Die drei sind Teil des Ensembles DIE ECKIGEN. Der Truppe gehören 26 Schauspieler und Schauspielerinnen an. Zum 20-jährigen Jubiläum spielen sie ihr eigenes märchenhaftes Drama nach Shakespeare.

Am Anfang war das Martinsspiel

Alles fing im Herbst 1994 an, als Menschen mit Behinderung im Kreisdiakonischen Werk Stralsund ein Martinsspiel für die Kirchengemeinde St. Nikolai einübten. Den Beteiligten gefiel die Schauspielerei und Frank Hunger, damals Leiter und heute Geschäftsführer des Kreisdiakonischen Werks, fand die Idee gut. Das Ensemble DIE ECKIGEN war geboren.

In zwei Jahrzehnten hat sich die außergewöhnliche Theatergruppe einen überregionalen Ruf erarbeitet. Inszenierungen von Märchen, “Romeo und Julia“ von Shakespeare, Komödien wie “Der eingebildete Kranke“ von Molière und eigene Produktionen brachten die Schauspieler auf die Bühne, und zwar nicht nur in Stralsund, sondern auch in Großstädten wie Berlin oder Dresden.

Die Eckigen Das Ensemble DIE ECKIGEN besteht aus 26 Schauspielern

Für ihre Arbeit haben die Eckigen nun in Schwerin den Förderpreis für Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern erhalten. DIE ECKIGEN begeistern, indem sie überraschen: “Jedes Mitglied bringt seine eigene Lebenserfahrungen auf der Bühne ein und öffnet damit seine Welt für das Publikum“, erklärt der Theaterwissenschaftler und Leiter der Gruppe, Dr. Gerd Franz Triebenecker. “Die Schauspieler kommen aus ganz verschiedenen Altersgruppen und begeistern mit ihren Poesie, ihrer Selbstironie und ihrem Spaß am Spiel.“ Und das mit großem Erfolg – seit zwei Jahren sind DIE ECKIGEN nicht nur ein Stralsunder Ensemble, sondern durch eine Kooperation mit der “Greifenwerkstatt“ in Greifswald eine Theatergruppe aus der ganzen Region.
Text ist erst zur Premiere fertig

Triebenecker stieß 1995, kurz nach der Gründung, zu dem Ensemble. Die Arbeit ist spezieller als bei Profis, meint er: “Der Weg zwischen einem Schauspieler und seinem Charakter kann relativ weit sein. Bei diesem Ensemble sind die Rollen viel enger an der Persönlichkeit der Schauspieler aufgehängt.“ Der Prozess bis zum fertigen Stück sei viel offener: “Ich habe vor der Premiere nie den Text fertig, weil ich nicht weiß, wie die Gruppe das Stück spielen kann. Für mich und das Ensemble bleibt die Arbeit so extrem spannend.“

Seit Juni hat die Schauspieltruppe “Den Sturm“ von William Shakespeare geprobt – Mitte Oktober war Premiere. Unterstützt wurde die Produktion von Aktion Mensch, der DAMP-Stiftung und den Stralsunder Werkstätten. Ensemblemitglied Klaus-Dieter Mattern will noch sehr lange mitspielen. Für die Zukunft wünscht er sich, dass das Ensemble weiterhin viel Zulauf bekommt – besonders von Schauspielerinnen. Denn auch das ist speziell: im Gegensatz zu anderen Amateurtheatern spielen bei DIE ECKIGEN überwiegend Männer mit.